Berlin – Etwa 250 Ärzte und Pflegekräfte der Küstenländer und Berlin trafen sich am 13. und 14. April 2011 zum fachlichen Austausch anlässlich der 29. Jahrestagung des Arbeitskreises für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin in Berlin. Dr. Frank Jochum, Berlin, amtierte als wissenschaftlicher Leiter der von Humana ausgerichteten und von der Ärztekammer Berlin zertifizierten Fortbildungsveran-staltung. Die Referenten informierten über Aktuelles aus der Neonato-logie und Intensiv¬medizin. Insbesondere thematisierten sie ver-schiedene Aspekte der klinischen Ernährung, wie z. B. den Einsatz von Omega-3-Fettsäuren, Pro- und Prebiotika bei Frühgeborenen oder die Allergie¬prävention durch frühkindliche Ernährung.
Neuerdings erhältliche Lipidemulsionen mit Fischölen (langkettige Omega-3-Fettsäuren) sind, laut Dr. Christian Hudert von der Charité- Universitätsmedizin Berlin, sinnvoll für den Einsatz bei Frühgeborenen. Omega-3-Fettsäuren sind essentielle Fettsäuren mit vielfältigen Wirkungs-mechanismen für Wachstum und Entwicklung von Kindern, z. B. werden sie für Aufbau und Struktur von Zellen, u.a. des zentralen Nervensystems, sowie als Vorläufer der Lipidmediatoren gebraucht.
Schutzfunktionen der Omega-3-Fettsäuren seien bei der Rückbildungs-geschwindigkeit einer durch parenterale Ernährung induzierten Cholestase und für das Outcome von Retinopathien (ROP) bei Frühgeborenen gezeigt worden. So senkten Fischöle zwar nicht die Häufigkeit, aber den Schweregrad einer ROP bei Säuglingen mit einem sehr geringen Geburtsgewicht (VLBW). Statt zwölf Lasertherapien wären in der Fischöl-Gruppe nur drei nötig gewesen, da die ROP häufiger reversibel war, resümierte Hudert. Ob die hochdosierte Gabe von Fischölen jedoch einen Effekt auf die neurologische Entwicklung von Frühgeborenen habe, sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht gesichert bewiesen; dennoch lägen zumindest für Mädchen sehr vielver¬sprechende Hinweise vor.
Die Inzidenz der nekroti¬sierenden Enterokolitis (NEC) bei Frühgeborenen kann durch die unverzügliche Gabe von Probiotika gesenkt werden1. Auf Basis dieser Erkenntnis bewertete Prof. Michael Radke vom Klinikum Ernst von Berg¬mann, Potsdam, eine Regelanwendung von Probiotika bei Frühge-borenen als effektive Therapieform für die Prävention der NEC. Zudem unterstützten eigene praktische Erfahrungen mit der Gabe von Bifido-bakterien bei Frühgeborenen direkt nach der Sectio den positiven Effekt auf die Gesundheit der Säuglinge.
Die Keimbesiedlung des Gastrointestinaltraktes beginnt nach der Geburt meistens zwischen dem ersten und dritten Lebenstag. Das Füttern von Muttermilch führe generell zu einer Dominanz der Bifidusbakterien. Als Ursache für die spezifische Mikrobiota bei Muttermilchernährung werden die darin enthaltenen Pre- und Probiotika angesehen. Der Darm von Frühgeborenen wird bevorzugt von Pathogenen koloni¬siert, so Radke. Probiotika sind laut WHO/FAO-Definition lebende Mikroorga¬nismen, die, in der richtigen Menge aufgenommen, gesundheitsfördernd sind. Ihre positive Wirkung entfalten sie in erster Linie durch eine Senkung des Stuhl-pH-Wertes, vermittelt durch die Bildung kurzkettiger Fettsäuren. Dadurch werde das Wachstum von Pathogenen gehemmt, erläuterte Radke.
Prebiotika sind bestimmte Ballaststoffe wie Galactooligosaccharide (GOS) und Fructooligosaccharide (FOS), die der Mikrobiota als Nahrung dienen. „Humane Milch-Oligosaccharide enthalten jedoch keine Fructose und unter¬-scheiden sich in diesem Punkt von Prebiotika, die den meisten Säuglings-nahrungen zugesetzt werden“, sagte Radke.*
Dank spezieller Diäten kann das neurologische Outcome einer Vielzahl von Stoffwechselstörungen und Mangelerscheinungen deutlich verbessert werden. Die Auflistung von Dr. Arpad von Moers, DRK-Klinikum Westend, Berlin, reichte von Phenylketonurie, Ahornsirup¬krankheit, Abbaustörungen von mittellang¬kettigen Fettsäuren (keine spezielle Diät, aber sehr regelmäßige Zufuhr von Energie, da in Fasten¬perioden schwere Stoff-wechselkrisen auftreten) über Glukose-1-Trans¬porter¬störungen hin zu Vitamin-B12-Mangel (wichtig: Ernährungsanamnese der Mutter).
Neben den eher seltenen Stoffwechselkrankheiten stünde laut von Moers das Problem der sehr häufig bleibenden motorischen und kognitiven Schäden von Frühgeborenen mit sehr geringem Geburtsgewicht im Fokus. Die Hypothese, dass eine frühzeitige hochenergetische Ernährung bei diesen Kindern langfristig das neurologische Outcome verbessere, konnte bisher nicht eindeutig bewiesen werden, resümierte der Experte.
Sinnvolle Präventionsmaßnahmen zur Vermeidung des metabolischen Syndroms und der Adipositas bei Kindern sollten nicht ausschließlich die frühe Ernährung des Kindes berücksichtigen, sondern müssten bereits bei der Mutter beginnen. „Gute Fitness, keine zu hohe Gewichtszunahme in der Schwangerschaft, Diabetes-Screening und nicht rauchen – diese nachgewiesenen Empfehlungen sollten werdende Mütter befolgen“, sagte Prof. Karl Bergmann, Charité-Universitätsmedizin Berlin. Dennoch dürfe gerade die frühkindliche Ernährung in ihrer Bedeutung für ein späteres Übergewicht nicht unterschätzt werden. So zeigte eine Studie aus dem Jahr 2009, dass die mittlere Gewichtszunahme in den ersten zwei Lebensjahren signifikant mit den meisten Körpermaßen der Sechsjährigen korreliere. Laut Bergmann sei das ausschließliche Stillen in den ersten vier bis sechs Monaten und anschließend kombiniert mit Beikost bis zum ersten Lebensjahr eine gute Basis zur Prävention von starkem Überge¬wicht. Bei Kindern, die Säuglingsmilch erhalten, empfehle er eine Ernährung ad libitum (keinen Tropfen mehr als vom Säugling gewünscht!) bei exakter Einhaltung der Herstellerangaben zur Zubereitung. Eine höhere Proteinzufuhr, als aktuell diskutierte Ursache der Adipositas, ist aus Sicht von Bergmann bisher nicht belegt. Er sieht die Aussagekraft des dabei gemessenen BMI bei Kleinkindern kritisch, denn dieser gäbe keinen Hinweis darauf, ob das Kind nur größer oder wirklich speckig ist.
Als Mitglied der Nationalen Stillkommission gab Prof. Renate Bergmann, Charite-Universitätsmedizin Berlin, einen fundierten Überblick zu stillfördernden Maßnahmen. Um dem weiteren Rückgang des Stillens entgegenzuwirken habe die WHO 1981 den Internationalen Codex zur Förderung des Stillens und Sicherstellung einer sachgemäßen Verwendung von Säuglings¬nahrungen verabschiedet. Die anschließend formulierten „10 Schritte zum erfolgreichen Stillen” verfolgten laut Bergmann das Ziel, die Mitarbeiter aller Entbindungsstationen hinsichtlich der nachgewiesenen Faktoren zur Stillförderung zu schulen. 1991 starteten WHO und UNICEF das internationale Programm „Babyfriendly Hospital Initiative“, um durch verbesserte Rahmenbedingungen in Geburtskliniken die Eltern-Kind-Bindung und das Stillen zu fördern – umgesetzt in Deutschland 1992 durch UNICEF Deutschland als Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus". 1994 wurde in Deutschland die Nationale Stillkommission gegründet, die die Bundesregierung zum Abbau von Stillhindernissen berät und praktische Empfehlungen rund um das Stillen für Ärzte, Hebammen, Klinikpersonal und Mütter veröffentlicht.
Die aktuellen Entwicklungen im Bereich Allergieprävention fasste Dr. Andrea von Berg vom Marien-Hospital Wesel in vier praktische Konsequenzen für die Ernährung von Schwangeren, Stillenden und Säuglingen zusammen:
1. Eine ausgewogene und nährstoffdeckende Ernährung ist die Basis sowohl für die schwangere und stillende Mutter als auch für das Kind. Restriktionsdiäten sind unnötig und nicht empfehlenswert.
2. Möglichst vier Monate ausschließliches Stillen.
3. Wenn Muttermilch nicht ausreicht, sollten Risikokinder HA-Säuglingsnahrung erhalten.
4. Beginn der Beikosteinführung nach vollendetem 4. Lebensmonat bei allen Kindern nach dem Plan der Ernährungskommission.
1 Deshpande G. et al. Pediatrics 2010; 125: 921-930.
* Anmerkung der Redaktion: Dies ist der Grund, weshalb Humana als einer der wenigen Hersteller von Säuglingsnahrung ausschließlich GOS aus Milch und keine Oligosaccharide pflanzlichen Ursprungs wie FOS verwendet.
Der Arbeitkreis ist ein Fortbildungs- und Austauschforum für Ärzte und Pflegepersonal aus der Pädiatrie mit Schwerpunkt auf Neonatologie und Intensivmedizin. Die ANPI wird heute von fast allen pädiatrischen Abteilungen der Küstenländer und Berlins besucht. Die Fortbildungen sind sowohl für Ärzte bei der Ärztekammer Berlin als auch für Pflegepersonal bei der „Freiwilligen Registrierung für beruflich Pflegende" zertifiziert.
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