Aachen – Am 24. März 2011 trafen sich etwa 240 Ärzte und Pflege-kräfte aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet zum fachlichen Austausch an-lässlich der 10. Jahrestagung der Initiative für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin in Aachen. Die wissenschaftliche Leitung der von Humana ausgerichteten und von der Bezirksärzte¬kammer zertifizierten Fortbildungsveranstaltung hatte Prof. Thorsten Orlikowsky, Aachen, inne. Die Referenten präsentierten aktuelle Themen aus der Neonatologie und Intensivmedizin. So z. B. Zyto-megalie, Sepsis und Stoffwechselerkrankungen sowie Pflegeaspekte bei Frühgeborenen.
Das humane Herpesvirus (Zytomegalie-Virus, CMV), als Auslöser der Zytomegalie, gilt als die häufigste Ursache für Langzeit¬schäden beim Neugeborenen. Dies sei jedoch kaum bekannt, so Prof. Gabriele Halwachs-Baumann vom Landeskrankenhaus Steyr, Österreich. So würden zwar 97 Prozent der Frauen das Down-Syndrom kennen, 83 Prozent wüssten über die Schäden von Alkohol und 53 Prozent über die Gefahr einer Rötelninfektion während der Schwanger¬schaft Bescheid – aber nur 22 Prozent kennen Zytomegalie. Dabei wurden im Jahr 2006 in Deutsch-land mehr als 3.000 Fälle von Zytomegalie und nur ein Fall konnataler Röteln bei Schwangeren gemeldet, berichtete Halwachs-Baumann.
Zytomegalie ist für gesunde Erwachsene harmlos, kann jedoch während der Schwangerschaft über die Plazenta übertragen werden und für den Fötus lebensgefährlich sein. Die Folgen reichen von Fehlbildungen wichtiger Organe, Seh- und Hörstörungen über schwere geistige Behin¬derungen bis zum Tod. Die Wahrscheinlichkeit für eine Übertragung ist bei Primärinfektion der Mutter mit dem Herpes-Virus während der Schwanger-schaft größer als bei einer sekundären Infektion (44 Prozent vs. 18 Prozent). Eine Präventionsmöglichkeit, so Halwachs-Baumann, sei beispielsweise die Einführung eines Zytomegalie-Screenings im Rahmen der Mutterschaftsvorsorge.
Seit den 1970er Jahren wurden neben perinatalen auch postnatale Infektionen mit CMV durch Muttermilch bei Neugeborenen beschrieben. Dr. Rangmar Goelz von der Uniklinik für Kinder- und Jugendmedizin Tübingen konnte jedoch keine Häufung von neonatologischen Symptomen, einge-schränkten kognitiven Entwicklungen oder negativen Effekten auf den Hörstatus infolge einer postnatalen CMV-Infektion bei Frühgeborenen feststellen . Einschränkend zu bewerten sei jedoch die geringe Fallzahl der Untersuchungen, die Beschreibung von Einzel¬fällen mit schweren Krankheitsverläufen und das Fehlen von nachge¬wiesenen Therapie-optionen. Goelz schlussfolgerte, dass Frühgeborene Muttermilch von CMV-positiven Müttern nur nach einer thermischen Inaktivierung erhalten sollten. In Tübingen wurde dazu eine Methode validiert, die dank einer kurzzeitigen Hitzeeinwirkung (5 Sek., 62°C) keinen Einfluss auf die bioaktiven Bestandteile der Milch ausübt.
Die Sepsis auf pädiatrischen Intensivstationen weist eine hohe Prävalenz mit hohem Mortalitätsrisiko auf. „Deshalb sollten auf neonatologischen Intensivstationen präventive Strategien, z. B. Gruppe-B-Streptokokken-Testung, verkürzte Liegedauer des Zentralen Venenkatheters (ZVK) und Nutzung von Krankenhausüberwachungssystemen für nosokomiale Infek-tionen (Neo-KISS) einen sehr hohen Stellenwert besitzen“, sagte Orlikowsky. Dr. Konrad Heimann von der Uniklinik für Kinder- und Jugend-medizin in Aachen forderte insbesondere für die Behandlung der Sepsis bei Kindern und Jugendlichen verbesserte und klare Empfehlungen zu Therapie und Management.
Prof. Eva Thimm vom Universitätsklinikum Düsseldorf unterschied fünf Typen angeborener Stoffwechselerkrankungen beim Frühgeborenen:
1. Intoxikationstyp (z. B. Harnstoffzyklusdefekte), der leicht als Sepsis fehl gedeutet wird
2. Stoffwechselstörungen mit reduzierter Fastentoleranz (z. B. Störun-gen der Glucosehomöostase)
3. Stoffwechselstörungen mit gestörtem mitochondrialen Energie-metabolismus (z. B. Atmungskettendefekte)
4. Stoffwechselstörungen mit Störung der Neurotransmission
5. Fehlbildungen
Einen ersten Hinweis auf angeborene Stoffwechselstörungen gibt bereits das Neugeborenen-Screening, bei dem das Blut in den ersten Lebenstagen auf die zwölf wichtigsten Störungen untersucht wird. Bei einem Verdacht auf angeborene Stoffwechselstörungen regelt eine S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin die Bestätigungs-diagnostik. Erste Therapie¬maßnahmen sind jedoch meistens bereits vor Abschluss der Diagnostik notwendig.
Am Beispiel der Ahornsirupkrankheit (MSUD) zeigte Dr. Sonja Trepels-Kottek vom Universitätsklinikum Aachen das Vorgehen in der Praxis auf. MSUD führt in ihrer klassischen Ausprägung zu schweren Hirnschädi-gungen und lebensbedrohlichen Symptomen in der Neonatalperiode. Die klinische Erstmanifestation findet meistens zwischen dem dritten und siebten Lebenstag statt. Symptome sind Stoffwechselentgleisungen mit akuter Enzephalopathie. Die diätetische Therapie beginnt mit einer oralen, hochkalorischen BCAA-freien Ernährung, um die Leucinwerte im Plasma auf Normalniveau zu senken. Valin und Isoleucin müssen substituiert werden. Nach Abfall von Leucin in den Normalbereich, kann mit der Fütterung von Muttermilch/Säuglingsnahrung bis zu einer maximalen Leucinaufnahme von 100 mg/kg KG begonnen werden, die mit BCAA-freier Spezialnahrung entsprechend des Kalorienbedarfs ergänzt wird. „Eine gute Entwicklung von MSUD-Patienten ist grundsätzlich möglich – insbesondere wenn sie in Stoffwechselzentren betreut werden können, dennoch sind psychomotorische Retardierungen und eine hohe Sterblichkeit die Regel”, so Trepels-Kottek.
Prof. Dr. Sebastian Lemmen, Leiter des Zentralbereiches für Kranken-haushygiene und Infektiologie am Universitätsklinikum Aachen, gab einen Überblick über die hygienischen Brennpunkte auf gemischten Intensiv-stationen. So sei die Teilnahme an einem Surveillance-System die optimale Grundlage für eine Intervention. Liegt beispielsweise die mit einem ZVK assoziierte Sepsisrate auf einer bestimmten Station höher als der Durch-schnitt, bestehe Anlass zur Personalschulung. Das gleiche gelte auch für erhöhten Antibiotikagebrauch. Die Implementierung eines Antibiotika Stewardship (ABS-Fortbildung) helfe, eine Fehlanwendung zu vermeiden, reduziere Resistenzbildung, Nebenwirkungen und Kosten.
„Die Hände¬desinfektion ist die wichtigste infektions¬präventive Einzelmaß-nahme und weist in der Pädiatrie bereits eine gute Compliance beim Personal auf“, sagte Lemmen abschließend.
Erfahrungen mit einem Patiententagebuch auf pädiatrischen Intensiv-stationen stellte Annette Ansorge vom Universitätsklinikum Aachen vor. In Großbritannien werden Patiententagebücher u. a. zur Vermeidung von Erinnerungslücken bereits seit 20 Jahren erfolgreich von Angehörigen beatmeter und schwer beeinträchtigter Patienten geführt. Neben einer Um-gebungs¬beschreibung, den ersten Daten und Fotos des Frühgeborenen werden Entwicklungsschritte, besondere Ereignisse, Besuche, Entschei-dungen und Gespräche mit Fotos/Collagen kombiniert im Tagebuch fest-gehalten. Eine erste Umfrage unter Eltern, die bereits ein Tagebuch ge¬führt haben, ergab, dass 13 von 18 befragten Eltern das Tagebuch zum Ver-arbeiten der Erlebnisse auf der Intensivstation als sehr hilfreich ein¬schätz¬ten. „Für die Eltern stellt das Tagebuch eine Chance dar, eigene Ängste und Sorgen besser reflektieren zu können“, resümierte Ansorge.
Die Initiative ist ein Fortbildungs- und Austauschforum für Ärzte und Pflegepersonal aus der Pädiatrie mit Schwerpunkt auf Neonatologie und Intensivmedizin. Die INPI wird heute von fast allen pädiatrischen Abteilungen im Rhein-Ruhr-Gebiet besucht. Die Fortbildungen sind sowohl für Ärzte bei der Bezirksärztekammer als auch für Pflegepersonal bei der „Freiwilligen Registrierung für beruflich Pflegende" zertifiziert.
Diese Pressemitteilung können Sie sich auch als PDF herunterladen.
Sie sind nicht eingeloggt » jetzt einloggen