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Das Einhorn und der Löwe

Wenn ein Löwe brüllt, bebt der Boden und die Tiere erzittern. Tummelt sich eine Herde von Springböcken zur Dämmerungszeit am Wasserloch, kommt es nicht selten vor, dass sie von den Beutegierigen eingekreist werden. Kaum stürmen die Löwen los, ist es dann für viele zu spät. Verliert aber ein Löwe sein Rudel, muss er allein auf die Jagd gehen und sein Glück schwindet von Tag zu Tag.

Als ein Löwe so einige Tage ausgehungert umhergeirrt war, kam er zu einem Hügel. "Ausgebrüllt, lieber Löwe! Du scheinst mir vor Hunger so närrisch geworden zu sein, dass du es nicht mehr vermagst, einen winzigen Fuchs aufzuspüren" rief ihm plötzlich ein Einhorn zu. "Dann sollst wohl du meine Mahlzeit sein!", entgegnete der Löwe und knurrte bedrohlich.

Aber das Einhorn hatte sich in einer Felsspalte verkrochen und der schmale Durchgang versperrte dem Löwen den Weg. "Armer Löwe!", sprach das Einhorn ihn mitleidsvoll an. "Ich glaube, für deinen schlimmen Zustand gibt es einen Ausweg, und deshalb lade ich dich zu einem Brettspiel ein. Gewinnst du, gebe ich dir satt zu speisen vom besten Fleisch und danach kannst du des Weges ziehen. Verlierst du aber, bekommst du zwar auch reichlich zu fressen, danach aber dienst du mir deine weiteren Tage."

Der Löwe willigte sogleich ein, schon rasend vor Hunger. Das Einhorn führte ihn mit sich in seine Behausung, bot ihm einen Napf Wasser, holte das Brettspiel, und sobald die Figuren aufgebaut worden waren, begannen die beiden zu spielen. Man konnte sich schon denken, wie alles verlief, denn der ausgehungerte Löwe fand keinen klaren Gedanken mehr. Er freute sich aber trotz allem, denn in jedem Fall winkte ein reichliches Mahl.

Vom Einhorn besiegt, wurde er in eine Kammer geführt, wo ein riesiger Fleischberg aufgetürmt war. Der Löwe fraß und fraß, wurde runder und schwerer, fauler und zahm wie ein Schoßhund, der dem Einhorn stets zu Diensten war. Sogar zum Brüllen fehlten ihm bald die Kräfte. So winselte er bloß noch und blinzelte träge dem Einhorn entgegen. Nach einem Jahr dieser bequemen Gefangenschaft kam der Tag, an dem aus dem Raume des Löwen ein Blöken herausdrang.

Das Einhorn erschrak: "Habe ich ihn denn in meiner törichten Einfalt zum Lamme gemacht? Bald wird der Schweif schrumpfen und Schafswolle wird ihn zieren." Das Einhorn besann sich augenblicks und sprang über den Schatten seiner eigenen Herrschgier. "Ich habe einen schrecklichen Fehler begangen!", rief das Einhorn. "Vom stattlichen Herrscher der Wüste habe ich dich zum Haustier gemacht!"

Tränen der Reue trübten dem Einhorn den Blick. Verständnislos und mit einem gewaltigem Gähnen stöhnte der Löwe schmählich: "Bitte lass mich bei dir, denn besser kann ich's im Leben gewiss nicht mehr haben."