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Träne

Jonas weinte. Mal wieder. Jonas weinte ständig. Diesmal hatte seine Schwester sein Auto weggenommen, weil sie ihn ärgern wollte. Er schmiss sich auf den Boden, hämmerte mit beiden Händen auf die Steine und presste sich einige Tränen aus den Augen, um seinem Ärger mehr Ausdruck zu verleihen. Mehrere Tränen kullerten aus seinen Augen. Eine der Tränen kullerte ganz schnell heraus und beeilte sich, von Jonas fortzukommen.

Die Träne dachte: "Endlich, endlich kann ich weg von Jonas. Dieser kleine verzogene Junge. Der heult so viel und ist immer so trotzig, ich mag nicht mehr bei ihm sein. Er tut immer so, als sei er furchtbar traurig, dabei ist das alles nur gespielt, um seinen Willen durchzusetzen. Ich kullere fort, weit weg von Jonas und suche mir ein fröhliches Gesicht."

Sie kullerte schnell von Jonas fort, hinaus zum Gartentor und über die Straße. Sie folgte der Straße bis sie zu einer grünen Wiese kam. Dort entdeckte sie einen Stall mit Schweinen und Kühen drin. Sie kullerte in den Stall hinein, um nachzusehen, ob dort glückliche Tiere wohnten und sie ein neues Zuhause fand. Dort standen nebeneinander in großen Boxen viele Kühe. Die Schweine waren alle in einem großen Stall untergebracht.

"Hallo", sagte die Träne: "Seid ihr glücklich?" "Muhhhhh", brummte eine Kuh: "Nein, sind wir nicht. Siehst du die große Wiese vor unserem Stall? Wir dürfen sie nur ansehen, aber nicht betreten. Und wir haben solche Sehnsucht danach, auf ihr weiden zu dürfen."

"Genau", sagten die Schweine, "wir sind auch nicht glücklich. Auf der Wiese ist ein riesiges Schlammloch, in dem wir uns gerne suhlen würden, aber wir dürfen nicht auf die Wiese. Der Bauer hat keine Lust, uns jeden Tag wieder einzufangen, wenn wir abends wieder in den Stall sollen. Deshalb lässt er uns erst gar nicht aus dem Stall heraus."

Die Träne antwortete: "Aber ihr habt doch hier alles. Ihr bekommt Futter und Wasser und der Bauer melkt euch regelmäßig. Außerdem habt ihr viel Auslauf in eurem Stall, der ist doch riesengroß. Reicht das denn nicht?" "Nein", sagten die Tiere. "Wir wollen auf die Wiese." Und weiter ging das Gemecker der Tiere.

"Oh je", dachte die Träne, "hätte ich bloß nicht gefragt. Jetzt hören die gar nicht mehr auf zu schimpfen und ich muss mir das alles anhören." Heimlich kullerte die Träne zum Stallausgang und verschwand. Sie hörte die Tiere noch eine ganze Weile schimpfen. Sie wollte kein Gejammer mehr hören, sie wollte endlich ein glückliches Gesicht sehen und somit ein schönes zu Hause haben.

Sie kullerte weiter und kam in die nächste Stadt. Dort kam sie zu einer Schule. Viele Kinder liefen auf dem Schulhof herum. Sie kullerte in eine Ecke des Schulhofes und schaute sich um. Ihr Blick fiel auf eine Gruppe Mädchen, die sich zankten.

"Das ist meine Puppe", heulte das eine Mädchen. "Nein", schrie ein anderes größeres Mädchen zurück, "das ist meine. Ich habe sie in einem Klassenzimmer gefunden." "Aber ich habe sie doch verloren", rief das erste Mädchen. "Na und, gefunden ist gefunden", rief das große Mädchen. Und dann ging die große Heulerei los. "Schnell weg hier", dachte sich die Träne und rollte weiter.

Auf ihrem Weg auf der Suche nach einem fröhlichen Gesicht kam die Träne an einem Altenheim vorbei. Sie rollte hinein und traf auf einen alten Herrn, der im Bett lag: "Bist du glücklich", fragte die Träne. "Warum sollte ich glücklich sein", antwortete der alte Mann. "Ich liege hier im Bett, abgeschoben von meiner Familie. Keiner will mich mehr haben."

"Aber du kannst doch nicht mehr laufen", antwortete die Träne. "Wie soll dich deine Familie dann pflegen? Da bist du doch hier gut aufgehoben, da bekommst du Hilfe und hast andere Heimbewohner zum Spielen und Reden. Außerdem besucht deine Familie dich doch oft. Du bist soweit gesund und dir geht es gut. Warum kannst du hier nicht glücklich sein?" "Ich will hier gar nicht glücklich sein", antwortete der alte Mann. "Oh nein", dachte sich die Träne. "Schon wieder einer, der unglücklich sein will und sich selber Probleme macht." Sie kullerte schnell aus dem Altenheim hinaus.

Sie kam an einen Garten in dem zwei Familien mit Kindern grillten. Sie meckerten über den bewölkten Himmel und die verpasste Chance, bei sonnigem Wetter zu grillen und im Garten zu liegen.

Die Träne rollte erst gar nicht näher an den Garten heran. Sie sah schon die verkniffenen Gesichter und wollte erst gar nicht fragen, warum sie nicht glücklich waren. Sie rollte unter einen Baum und fragte sich, ob sie überhaupt auf der Welt ein glückliches Gesicht finden würde. Sie glaubte schon gar nicht mehr daran.

Alle Gesichter, die sie bisher getroffen hatte, waren unfroh und konnten sich nicht über Kleinigkeiten freuen. Sie wollten alle etwas für sie Unerreichbares haben und waren deshalb unglücklich. Aber die Träne wollte die Welt auch nicht verbessern. Sie wollte nur selber glücklich sein und deshalb musste sie auch für sich selber einen Weg finden, damit sie das wurde.

Tief in ihre Gedanken versunken kam sie an einem Krankenhaus vorbei. Sie kullerte hinein und gelangte auf eine Station für gelähmte Menschen. Sie traf auf einen kleinen lächelnden Jungen, der im Rollstuhl saß. "Wie kannst du lachen, obwohl du nicht laufen kannst", fragte die Träne.

"Das will ich dir gerne erklären", antwortete der kleine Junge: "Ich liege seit einiger Zeit auf dieser Station. Ich hatte einen Unfall und kann meine Beine nicht mehr bewegen. Ich musste lernen, wie man mit einem Rollstuhl umgeht und wie ich mit anderen Kindern spielen kann, ohne meine Beine bewegen zu können. Dafür war ich lange Zeit von meiner Familie getrennt und die ganze Zeit hier sehr allein. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, wo ich meinen eigenen Rollstuhl bekommen habe und zu meiner Familie nach Hause zurückkehren kann. Denn ich habe hier gelernt, mit meiner Behinderung zu leben und damit umzugehen. Da meine Eltern gleich kommen werden und mich nach Hause bringen, freue ich mich, dass es mir gut geht und ich nicht mehr alleine bin."

"Du bist aber ein netter zufriedener Junge", sagte die Träne. "Du bist das erste zufriedene Gesicht, das mir begegnet ist, obwohl du wirklich einen Grund hättest, unglücklich zu sein. Darf ich bei dir bleiben und mit dir nach Hause gehen? Ich wünsche mir doch so sehr ein glückliches und fröhliches Zuhause."

"Gerne", sagte der kleine Junge im Rollstuhl. "Ich kann einen kleinen treuen Freund gebrauchen."
Eingesandt von S. Semelka, Bochum